Freundlichkeit vs. Strenge

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Allah ist freundlich und Er liebt Freundlichkeit, und Er lässt demjenigen, der freundlich ist, mehr Segen zuteil werden als dem, der streng ist. (Muslim, Hadithnummer 6601 )

Die kleine Hanna steigt aus ihrem Bett und geht zu ihren Eltern, die gerade frühstücken. “Hast du dir schon dein Gesicht gewaschen”, fragt ihre Mutter. “Geh dir dein Gesicht waschen!” ergänzt der Vater. Hanna geht ohne zu antworten ins Bad und wäscht sich das Gesicht.
Nach der Schule geht Hanna sofort nach Hause. Die Mutter öffnet ihr die Tür. “As-salamu alaikum Hanna. Aber wie siehst du denn aus? Hab ich dir nicht gesagt, du sollst während der Pause nicht in diesem dreckigen Sandkasten spielen. Hanna versucht zu antworten: „Mama, wir waren heute mit der Klasse auf dem Spielplatz.“ Ihre Mutter antwortet: “Zieh dich sofort um!”
Am Abend sitzt die Familie gemeinsam am Esstisch. Auch Hannas Tante ist zu Besuch. Beim Trinken verschüttet Hanna etwas aus ihrem Glas. “Pass doch auf!” ruft ihr Vater. Hanna ist traurig und schämt sich vor ihrer Tante.

Warum verhalten sich Hannas Eltern so streng und unfreundlich, wenn sie ihre Tochter auf Fehler hinweisen? Eigentlich sind sie doch liebe Eltern, die viel Schönes mit Hanna unternehmen und nur das Beste für ihr Kind wollen.

Eine Ursache, warum viele Eltern und Erzieher solche groben und unfreundlichen Verhaltensweisen bei der Zurechtweisung des Kindes anwenden, ist die Tatsache, dass dies der schnellste und einfachste Weg ist, um ein Kind vom unerwünschten Verhalten abzubringen. Das Verhalten des Kindes wird falsch bewertet. Es wird als eine Art Provokation wahrgenommen: “Das Kind will mich ärgern.” Die unangemessene Reaktion der Erwachsenen resultiert deshalb aus persönlicher Wut und Zorn.
Das freundliche und ruhige Zurechtweisen hingegen ist auf den ersten Blick der schwierigere, anstrengende Weg.
1. Es bedarf der Geduld, wenn das Kind nicht schlagartig das unerwünschte Verhalten unterlässt oder der gewünschten Anweisung folgt.
2. Man muss sich angemessene Konsequenzen überlegen (wie z.B. “Wenn du weiterhin deine Schwester ärgerst, spielst du heute dein Lieblingsspiel nicht mit.”).
3. Nach mehr als einmaliger Ermahnung muss die Konsequenz durchgesetzt werden.
Wir sehen also, die freundliche, gerechte, bessere Erziehung bedarf mehr als nur einer Aneinanderreihung von Fehlerzuschreibungen und Befehlsanweisungen. Der Faktor Gemütlichkeit ist ein Grund, warum sich viele Erzieher, bewusst oder unbewusst, lieber die Erziehungsmethode der Strenge aussuchen.

Kurz- und langfristige Folgen
Bei kurzfristiger Betrachtung sieht die strenge und grobe Erziehungsmethode Erfolg versprechender aus. Das Kind ist oftmals so eingeschüchtert, dass es im betreffenden Moment sofort mit dem Verhalten aufhört oder einer Anweisung folgt.
Langfristig gesehen kann diese Methode jedoch schwerwiegende Folgen haben.
Es schadet beispielsweise der wertvollen freundschaftlichen Eltern-Kind-Beziehung, die v. a. in der Pubertät eine wichtige Rolle spielt. In Bezug auf das Thema Vertrauen bildet sich mit der Zeit eine Kluft. Das Kind wird die Eltern nicht mehr als erste und wichtigste Ratgeber ansehen.
Auch das Selbstvertrauen des Kindes wird dadurch stark geschädigt. Es lernt unbewusst: Das, was ich tue, ist falsch.
Zusammengefasst heißt das: Erzieherische Strenge in Form von Anschreien, unfreundlichem und grobem Zurechtweisen hat langfristig nicht die positiven Folgen, die die Erzieher eigentlich beabsichtigen.

Einem Bericht Aischas zufolge sagte Muhammad (Allahs Segen und Frieden auf ihm):
Freundlichkeit verleiht einer Sache Schönheit, und wenn sie weggenommen wird, hinterlässt dies einen Schaden.(Muslim, Hadithnummer 6602)

Das richtige Bewusstsein entwickeln
Für den Erzieher ist es von äußerster Wichtigkeit, das richtige Bewusstsein für den Umgang mit Kindern zu entwickeln.
Ein Kind befindet sich in seiner intensivsten Lernphase. Es hat einen großen Wissensdurst, probiert vieles aus und sucht seine Grenzen. Dabei sind Fehler, wie sie Hanna aus dem vorangegangenen Beispiel macht, vorprogrammiert.
Unsere Aufgabe als Erzieher ist es, dem Kind die richtigen Grenzen auf die richtige Art und Weise zu vermitteln.

Wie vermittle ich richtig
Nach Ingo Vogel findet Kommunikation auf zwei Ebenen statt. Auf einer Sach- und einer Beziehungsebene. Auf der Sachebene wird der Inhalt einer Aussage vermittelt und auf der Beziehungsebene werden Emotionen ausgetauscht. Dabei überwiegt die Wirkung, die wir über die Beziehungsebene vermitteln, mit einem Anteil von 6/7.

Das heißt: Wie ich etwas sage hat eine viel größere Wirkung auf mein Gegenüber als das was ich sage.
Wenn Hannas Vater nun beabsichtigt Hanna beizubringen, dass es besser ist, langsam und nicht hastig aus einem Glas zu trinken, sollte er sie freundlich darauf hinweisen, es ihr erklären und richtig vormachen oder mit ihr üben.

Freundlich sein heißt nicht inkonsequent sein
Eine falsche Annahme, die weit verbreitet ist, ist das Verständnis von Freundlichkeit als eine Art der Schwäche des Durchsetzungsvermögens. Freundlichkeit in der Erziehung heißt nicht, jegliches Verhalten des Kindes zu tolerieren. Es bezeichnet u.a. die Anrede, die Tonlage, die Wortwahl beim Ermahnen oder Belehren eines Kindes.
In der Sure 31, Verse 13, 16 und 17 spricht der Prophet Luqman (Allahs Frieden auf ihm) zu seinem Sohn. Bevor er ihm einen Rat erteilt spricht er ihn (sinngemäß übersetzt) mit der Anrede „Oh mein lieber Sohn“ an.
Von Muhammad (Allahs Segen und Frieden auf ihm) wird berichtet, dass er einen Jungen folgendermaßen auf seine groben Tischmanieren hinwies: „Mein Junge, beginne im Namen Allahs und esse mit deiner rechten Hand und esse von der Seite, die dir am nächsten ist.“(Buchari, Hadithnummer 5376)
Mit der Anrede, „Mein Junge“ baut Muhammad (Allahs Segen und Frieden auf ihm) ein persönliches Beziehungsverhältnis zu dem betroffenen Jungen auf. Daraufhin informiert er ihn kurz und knapp über das richtige Essverhalten, ohne dabei auf sein Fehlverhalten einzugehen.
Im Qur`an Sure 3, Vers 159 informiert uns Allah, der Erhabene und Allwissende, in umgekehrter Weise über die Wirkungen, die Muhammad (Allahs Segen und Frieden auf ihm) durch sein freundliches und barmherziges Verhalten auf seine Mitmenschen hatte.
„…wärst du aber rau und harten Herzens gewesen, so wären sie dir davongelaufen.“

Damit unsere Kinder erkennen, dass wir sie lieben und das Beste für sie wollen und uns weder seelisch noch körperlich davonlaufen, sollten wir dem freundlichen Umgang mit ihnen den angemessenen wichtigen Wert beimessen und einen alltäglichen freundlichen Umgang mit ihnen pflegen.

Orientiert euch an den Beispielen von Luqman und Muhammad (Allahs Segen und Frieden auf ihnen) und probiert es ernsthaft aus.
Erzählt uns doch in euren Leserbriefen von euren Erfahrungen.

Ilham Zeroual

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